Dienstag, 7. März 2017

LÜ - GEN - PEN - NE!
Salem, der schöne Schein und die (Doppel-)Moral
Man vergisst es vielleicht manchmal: Aber private Edel-Internate wie die Schule Schloss Salem - mögen sie auch "gemeinnützig" daher kommen - sind Wirtschaftsunternehmen, die darauf aus sind, ihre Angebote, die es bei Vater Staat für umme (siehe öffentliche Schulen) bzw. zu äußerst sozialverträglichen Tarifen (siehe staatliche Internate) gibt, für teuer Geld an Mann, Frau und Kind zu bringen. Da wird "Werbung" gemacht, die natürlich nicht die Realität abbildet, sondern "das Produkt" als "einzigartig" und in möglichst günstigem Licht erscheinen lassen soll. Um Dumme, pardon: Kunden anzusprechen, die ordentlich was auf den Tisch legen, ohne darauf zu achten, ob sie sich nicht gerade eine Mogelpackung andrehen lassen, sind bestimmte psychologische Tricks erlaubt. 

Besonders erfolgversprechend ist die Methode, der "Ware" oder Dienstleistung bestimmte Eigenschaften anzudichten, die sich schwer oder gar nicht überprüfen lassen, aber dennoch an geheime Wünsche appellieren bzw. ein bestimmtes ("gehobenes") Image verleihen. Leute mit viel Geld sind da besonders leicht zu ködern, weil besonders geltungssüchtig und materiell eingestellt. Sie wollen "etwas darstellen", d.h. sich einerseits von den weniger Reichen abheben und unter Ihresgleichen renommieren. Guck' mal, das kann ich mir (auch) leisten, du aber nicht. Und weil der Reichste immer als der Beste und der Cleverste angesehen wird, gilt auch das Teuerste immer als das Beste. Die Besten kaufen das Beste = das Teuerste, einfach weil sie es können. Und weil das mit der Erziehung und der Bildung so kompliziert und ein Blick hinter die Kulissen der verschiedenen Einrichtungen so zeitraubend ist, wählt man als "Die richtige Schule für mein Kind" einfach die teuerste bzw. zumindest eine der besonders teuren. Mit Geld kann man auch wunderbar kompensieren. Wenn der eigene Nachwuchs eher anstrengend im Umgang und nicht ganz so helle ist, schlägt man ihm zum Beispiel eine der "berühmtesten", "teuersten" und "besten" Internatsschulen der Bundesrepublik vor. Dadurch fühlt sich das Kind gleich als etwas Besonderes, die Verwandtschaft und Bekanntschaft sagen "Oh!" und man erspart sich die Auseinandersetzungen mit den schlecht angezogenen Stoffver-mittlern aus der (ohnehin dubiosen) öffentlichen Schule nebenan samt ihrer prolligen Schüler- und Elternschaft. Und siehe da: Ein paar clevere Internats-vermittler haben da schon mal ein Märchenbuch oder - wie die sich selbst vermarktende Schule Schloss Salem - eine kleine  "Visionsbroschüre" vorbe-reitet. Hohle Nüsse klappern am lautesten. Aber die zahlende Kundschaft ist hellauf begeistert. Die "Altsalemerin" Heike Kottmann lässt uns in Ihrem Internatsroman "Licht aus, die Mayer kommt" an dem Hochgefühl teilhaben, in einer Luxus-schule exklusiv lernen zu dürfen:
>> Herr Singer [Stufenleiter] überreichte mir eine Urkunde mit meinem Namen und eine Anstecknadel, auf der ein verschlungenes >S< auf lilafarbenem Hinter-grund zu sehen war. [...] "Wir begrüßen Heike in der Salemer Gemeinschaft!" wiederholte er laut und ich konnte nur erahnen, was diese Worte noch für ein Gewicht bekommen würden. Dann wurde geklatscht. Ich fühlte mich, als hätte ich soeben den Nobelpreis oder zumindest einen Oskar gewonnen. Noch nie zuvor hatte irgendwer für mich applaudiert, schon gar keine Kinder. Ich dachte daran, was wohl Timo Lutz sagen würde, wenn er mich jetzt sehen könnte. << 
Nun ist es aber leider so, dass in so einem Internat doch immer so einiges vorfällt, wenn "die Mayer" gerade nicht hinsieht und das Licht noch aus ist. Sex, Drugs & Rock'n Roll. Dagegen könnte man "hart durchgreifen" (was zu Schüler- und Elternprotesten führt, aber wenig bewirkt). Oder man guckt einfach durch die Finger. Und tut so, als wär' nix. Aber das ist schlecht für's Image. Denn es gelangt leicht mal was an die Öffentlichkeit, was sich dann nicht mehr vertuschen lässt und die Kundschaft abschreckt, wenn`s ausufert. Deshalb kom-muniziert man strenge Regeln nach außen und lässt nach innen die Zügel schleifen. Das wurde in Salem schon immer so gehandhabt und hat den großen Pädagogen Hartmut von Hentig schon vor Jahrzehnten sehr gestört. Er schrieb [vgl. den Aufsatz "Kurt Hahn und die Pädagogik". In: Röhrs, H. (Hrsg.): Bildung als Wagnis und Bewährung. Heidelberg, 1966, S. 41-82]:
"Die Schule hat Regeln, von denen sie weiß, dass sie nicht gehalten werden; die Schüler wissen, dass die Schule das weiß, und übertreten sie; die einen haben sich mit der Regel, die anderen mit der Übertretung abgefunden - und fahren gut dabei. Ist es das, was Kurt Hahn will? Warum muss just in der Pädagogik so viel gelogen und kaschiert werden?":

Eine Salemer Schülerin im Interview mit der der Badischen Zeitung: (2015)
>> "Ich war naiv als ich hierher kam", sagt Helena. Sie dachte nicht, dass in Salem so viel geraucht und getrunken wird. Für sie selbst sei das kein Thema. Für Julian schon. "Man kann die Regeln auch mal brechen", sagt er. Auch die Schulleitung weiß das. Der Schulleiter sei der Meinung, wer Salem ohne einen Vollrausch verlasse, habe etwas falsch gemacht, sagt [Salems Pressesprecher] Ferenschild. << 
Und deshalb wiegelt die offizielle Schulwebseite unter der Überschrift "Regeln im Internat" auch ab:
"Aber keine Angst, die Regeln sind gar nicht so streng, wie sie sich anhören, und im Prinzip sind sie ganz einfach. Man darf in Salem kein Alkohol trinken und auch nicht rauchen. Wenn man erwischt wird, bekommt man eine angemessene Strafe und wenn man gegen diese Regeln weitere Male verstößt, muss man die Schule leider verlassen. Klingt knallhart, aber jeder halbwegs intelligente Mensch weiß, dass wir Schüler doch immer Wege finden die Regeln zu umgehen."
Das nennt man ja wohl Doppelmoral. Und das wäre das Gegenteil von Charakterbildung im Sinne einer "Verantwortungselite". Macht aber nichts, wenn man - wie die Salemer, die nun mal keine Engel, sondern Kinder ihrer Eltern sind - unter "Verantwortung übernehmen" schlicht "Karriere machen" versteht. Und "im richtigen Leben" sind Moral und Ethik eben eher hinderlich. Dafür aber muss man die Moral praktisch abspalten und entgegen den real praktizierten Schweinereien gekonntes "Social Washing", "Green Washing" usw. bis hin zum "Brain Washing" betreiben. Und genau das lernt man in der Schule Schloss Salem. Bestes Beispiel: Das Buch des ehemaligen Gesamtleiters mit dem schönen Titel: "Die Macht der Ehrlichen".