Sonntag, 26. Februar 2017


ULRICH LANGE



18.08.2013 | 10:58 3

Schule Schloss Salem: Achtung Schleichwerbung

Eliteinternate. Die Schule Schloss Salem sucht händeringend nach besserer Kundschaft. Nichts ist dabei hilfreicher als Schleichwerbung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.


37°, die wöchentliche Dokumentationssendung des ZDF. „Die Sendereihe berichtet aus außergewöhnlicher Perspektive heraus über für unsere Gesellschaft typische Lebenssituationen“, heißt es leicht verschwurbelt bei Wikipedia. Aktuell zeigt das ZDF in den drei Folgen „20 – 40 - 60“ Menschen der jeweils genannten Altersgruppe an wichtigen Wendepunkten ihres Lebens. Am 06.08.2013 geht es unter dem Titel "Auf dem Sprung" um die Generation der 20-Jährigen. Drei Jahre lang begleitete die Dokumentarfilmerin Dominique Klughammer zwei junge Frauen und einen jungen Mann „aus unserer Mitte“ bei entscheidenden „Weichenstellungen“ und stellte sich dabei die Fragen: Was bewegt diese 20-jährigen? Was wollen sie erreichen Durch welche Höhen und Tiefen werden sie gehen?

Typische Lebenssituationen?

Der Zuschauer fragt sich allerdings erst einmal, ob das wirklich für unsere Gesellschaft typisch ist, was wir da zu sehen bekommen. Da ist Annette, die Tochter einer Kieferorthopädin und eines Zahnarztes mit gemeinsamer Praxis, die gerade mit einem Schnitt von 1,2 das Abitur abgelegt hat. Allerdings nicht irgendwo, sondern an der Schule Schloss Salem, einer der teuersten Internatsschulen in der Bundesrepublik. Zusätzlich zum Abiturzeugnis wird ihr „die große Salemer Auszeichnung“ für soziales, kreatives und sportliches Engagement ausgehändigt. Doppel-Whow!
Nicht ganz so glanzvoll sieht das Leben von Cagil aus, Sohn türkischer Migranten, beide Lehrer (immerhin), die in den 1970er Jahren nach Pulheim bei Köln zugewandert sind, damit es den Kindern einmal besser gehen sollte. Auch Cagil hat frisch sein Abitur bestanden - nein, nicht in Salem, sondern an einem ganz normalen staatlichen Gymnasium. Jetzt möchte er - den Eltern zu Liebe - ein Lehrerstudium beginnen und träumt von einer eigenen kleinen Wohnung.
Die sprichwörtliche Arschkarte in dem Dreierteam hat wohl Barbara gezogen, hochschwanger, die Ausbildung zur Bäckereifachangestellten gerade abgebrochen. Ihr Freund schwankt zwischen Vaterpflichten und unbekümmertem Junggesellendasein. Die junge Mutter fühlt sich mit Kind und Haushalt zunehmend eingeengt und allein gelassen.
Filmautorin Klughammer spricht im Autorentext von „irrsinnig aufwendiger Recherche über alle zur Verfügung stehenden Kanäle und Kontakte“ sowie "Castings" in ganz Deutschland seit Februar 2009. Aber hätten unter dem Gesichtspunkt typischer Lebenssituationen von typischen 20-Jährigen nicht doch „aus unserer Mitte“ andere Protagonisten gecastet werden können oder müssen? Warum nicht zum Beispiel eine Überfliegerin aus einem integrationsresistenten libanesischen Familienclan, die sich ihr Spitzenabitur gegen alle Widerstände an einer Kreuzberger Gesamtschule erkämpft hat und nun erfolgreich Sozialarbeit studiert? Und statt der abgebrochenen Backwarenverkäuferin als Vertreterin des Prekariats mal zur Abwechslung ein alkoholgefährdeter Unternehmersohn, der gerade in einem Eliteinternat zum zweiten Mal durchs Abitur gerasselt ist?

Schöner, sympathischer Film...

Ein Kurzportrait auf der Seite „Maria-Ward-Kreis e.V.“ outet die Filmerin als Ehemalige eines privaten katholischen Mädchengymnasiums in Augsburg. Ist ja an sich noch nichts Schlimmes. Aber 2008 hat sie im Auftrag ihrer ehemaligen Geschichtslehrerin einen Werbefilm über ihre alte Schule gedreht und dabei eine Kostprobe ihrer Berufsauffassung und ihrer Arbeitsweise hinterlassen:
„Zunächst lernte ich erst einmal den neuen Schulleiter Peter Kosak kennen, der sich für die Sache mit dem Film sehr engagiert hatte. Wir verstanden uns auf Anhieb gut und ich versuchte von ihm zu erfahren, was denn aus Sicht der Schule in diesem Film gezeigt werden sollte. Ich schrieb daraufhin ein Exposé, erstellte den Drehplan, heuerte ein kleines Team an und drehte im Dezember 2008 für 2 Tage am MWG. Sozusagen als Regieassistent zur Seite gestellt wurde mir Herr Ruof – wunderbar, mein ehemaliger Mathelehrer! […] Auf jeden Fall ist ein schöner, sympathischer Film dabei heraus gekommen – ein Film, der richtig Lust aufs MWG macht!”
Mit dieser kritisch-distanzierten Grundhaltung dürfte Frau Klughammer sich auch in die „irrsinnig aufwendige Recherche“ zu dem 37°-Beitrag gestürzt haben und dabei „über alle zur Verfügung stehenden Kanäle und Kontakte“ an die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Schule Schloss Salem geraten sein. Diese mit drei Hauptamtlichen besetzte Stabsstelle ist dafür bekannt, dass sie ab der Schwelle der Eröffnung einer Thunfischdose in der Schulküche nichts auslässt, um gute Nachrichten über "eine der besten Schulen Deutschlands" (Friedrich-Naumann-Stiftung) zu erzeugen und das Institut mit Hilfe der Medien im Gespräch zu halten. Hierzu pflegt sie ungewöhnlich engen Kontakt zu bestimmten Vertretern der veröffentlichten Meinung und befindet sich dabei ganz in der Tradition von Schulgründer Kurt Hahn, der zwar nie ein Studium abgeschlossen oder eine einflussreiche berufliche Position erklommen hatte, aber ein Meister des Netzwerkens und der Instrumentalisierung Dritter für seine Ziele war. Hahn, der mit dem Größenwahn des manisch-depressiven Psychotikers im ersten Weltkrieg eine Art Schatten-Außenpolitik hinter dem Rücken seiner Dienstvorgesetzten betrieb, gilt laut Golo Mann ("Kurt Hahn als Politiker", inHermann RöhrsBildung als Wagnis und Bewährung, Heidelberg 1966, S. 17) zudem als Vordenker eines "damals erträumte[n] Propaganda-Ministerium[s]". Als "totale Institution" mit dieser Vorgeschichte schätzt die Schule Schloss Salem ein investigatives journalistisches Berufsverständnis oder gar kritische Berichterstattung keineswegs, sondern sorgt mit äußerst restriktiven Mitteln dafür, dass der seit Gründungszeiten gepflegte Schulmythos möglichst unbeschädigt bleibt, welche Tatsachen auch immer das grandiose Selbstbild aktuell zu verdunkeln drohen. Und an dunklen Punkten fehlt es in der Geschichte der Schule Schloss Salem wahrlich nicht, welchletztere – so der heutige Schulvorstand und ehemalige Chefredakteur der Hamburger ZEIT, Robert Leicht, – „nicht nur als Erfolgs-, sondern auch als Krisen-, in wesentlichen Phasen sogar als reine Überlebensgeschichte geschrieben werden“ könnte. Mal ehrlich: Könnte oder müsste?
Unabhängig von der „verzweifelten Suche nach Skandalen“, die der Salemer PR-Stab den von ihr nicht kontrollierten Medien pauschal unterstellt, brauchte man in den letzten Jahrzehnten auf den nächsten - allerdings zumeist von Salemer Schülern selbst produzierten - Aufreger jedenfalls nie lange zu warten. Deshalb wohl werden nur wenige Drehanfragen von Film- und Fernsehteams überhaupt genehmigt.
Pressemeldungen über Ereignisse aus dem Schulleben verfasst der Salemer PR-Stratege Dr. Hartmut Ferenschild im Zweifelsfall lieber gleich selbst (siehe: „Freudentanz mit Doktor-hüten, „Südkurier“ vom 05.07.2013) oder verbreitet das Eigenlob des Instituts - wie nachfol-gende „Danksagung“ auf der Webseite „netmoms.de“ verrät, in der Form vorbereiteter "Inter-views". „Dieser Artikel", heißt es dann etwa, "wurde in Zusammenarbeit mit der Schule Schloss Salem erstellt.“ Wer da wohl mit wem die Zusammenarbeit sucht.

Möglichst idealisiertes Bild des Internats

Ganz unverhohlen steckt Ferenschild die Spielräume journalistischer Freiheit wie folgt ab (vgl. „Schwäbische Zeitung“ vom 14.06.2012, S.4):
„Natürlich wolle die Schule ein möglichst idealisiertes Bild des Internats in den Medien und genau da prallten die Interessen aufeinander.“
Aus diesem Grund wohl wirken die Aussagen Salemer Schüler gegenüber Medienvertretern immer so brav und inszeniert. Interviews finden zumeist nur in Gegenwart der Pressesprecherin oder des Pressesprechers der Schule statt.
So berichtet die ZEIT:
„Er [der Salemer Stipendiat Andro] sitzt im Foyer der Oberstufe, spricht leise, fasst sich knapp und senkt nach seinen Sätzen oft den Blick. Vielleicht will er keine Fehler machen, weil der Pressesprecher des Internats neben ihm sitzt. Geschichten wie die von Andro sind für Internate wie Salem wichtig – um das Bild als Internat der Kinder reicher Eltern zurechtzurücken und zu signalisieren: Wir sind offen für alle.“
Christoph Schwarz schreibt in „Die Presse“ vom 28.08-2009:
„Für Jugendliche muss das Leben in Salem beschwerlich sein. Und doch wirken die Schüler erfrischend normal, wenn sie (unter Aufsicht der Pressesprecherin) begeistert von ihrem Alltag erzählen: Es sei die Gemeinschaft, das Soziale, das Salem so besonders mache, sagt die 16-jährige Maria Rieder aus Salzburg, die nach einem Aufnahmetest vor einem Jahr an die Schule wechselte. Auch sie gehört der „gehobenen Mittelschicht“ an, die sich 30.000 Euro Schulgeld im Jahr leistet. Von manchen Kindern verrät die Schulleitung nicht einmal den richtigen Namen, einige haben aus Angst vor Entführungen die eigenen Bodyguards am Gelände.“
Dokumentarfilmerin Klughammer jedenfalls konnte offenbar dafür gewonnen werden, in ihren Streifen, der eigentlich das Leben von 20-Jährigen nach dem Abitur beschreiben soll, das in G8-Zeiten bereits mit 17 oder 18 abgelegt wird, retrospektiv ein paar „sympathische“ Filmsequenzen aus dem Salemer Schulleben einzubauen, die Lust auf Luxusinternat machen. Und da ist er schon wieder, Ferenschilds „Freudentanz mit Doktorhüten“. Exakt das Motiv des Pressefotos aus dem Südkurier, nur diesmal in bewegten Bildern.
Doch zunächst sieht man Doku-Szenen, die die "Pädago-Polis am Bodensee" (Selbstbeschreibung) in ihren pompösen Ausmaßen zeigen. Wie zum Beispiel die barocken Schlossgebäude der Mittelstufe, eingebettet in sattgrüne oberschwäbische Kulturlandschaft. Hier hat Protagonistin Annette zwar weder je gewohnt noch wurde sie dort beschult, weil sie Salem ja nur in den letzten zwei Jahren der Oberstufe besucht hat, die bekanntlich im Schloss Spetzgart bzw. dem Campus Härlen in Überlingen untergebracht ist. Aber der Palazzo Prozzo der Markgrafen von Baden, den das Land Baden-Württemberg den königlichen Hoheiten erst kürzlich für viele Steuermillionen abkaufen musste, nachdem diesen die Unterhaltung zu teuer geworden war, macht eben einfach mehr her. Dann die feierliche Zeugnisübergabe mit schönen Menschen im Sonntagsstaat und der Ex-Schulleiterin Prof. Dr. Dr. Eva Marie Haberfellner, die den Abiturienten und IB-Diplomanden mit österreichischem Schmäh und ergriffenem Timbre den Wunsch mit auf den Weg gibt, dass der „Fluuuss“ Salem sie ein Leben lang tragen möge. Na, das wird schon. Und das jugendliche Auditorium johlt am Ende der Rede wie beim Auftritt eines Mario Barth im Berliner Olympiastadion.
„Wer hier zur Schule geht, ist privilegiert“, lässt Klughammer eine sonore Männerstimme ohne jede journalistische Distanz aus dem Off behaupten, während sich die Streicher des Salemer Schülerorchesters expressiv im Rhythmus der selbst erzeugten Klänge wiegen. Und weiter: „Werte wie Verantwortung, Mut [man beachte die dramatische Stimmhebung an dieser Stelle!] und eine umfassende Bildung – dafür zahlen Eltern rund 30.000 Euro im Jahr.“ Nun zitiert der Sprecher offenbar direkt aus dem Schulprospekt: „Das Motto der Schule lautet: Es steckt mehr in Euch!“ Zugleich erscheint das stolzgeschwellte Antlitz der Protagonistin Annette in Großaufnahme, die - nach Aufruf ihres Namens - in der nächsten Einstellung elastisch auf die Bühne federt, um aus der Hand eines smarten Bart- und Brillenträgers das Salemer Reifezeugnis zu empfangen. Aus dem Off bekräftigt ihre Stimme das "Mehr" in ihr: „Das habe ich in Salem wirklich gelernt, dass ich genug Vertrauen in mich habe, alles auszuprobieren. Und dadurch habe ich so viele wertvolle Erfahrungen gemacht, das treibt mich an.“ Ruckedigu, plus est en vous...

Propaganda für die private Bildungsindustrie

Was hat das mit dem eigentlichen Thema der Sendung zu tun? Rein gar nichts. Das ist plumpe Propaganda für einen privaten Anbieter, der gegen teures Geld verkaufen muss, was es auf staatlichen Gymnasien umsonst gibt: das Abitur. Der angebliche Mehrwert für die Zahlkundschaft: „Glänzende Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft“. Der handfeste Nutzen für die Schule Schloss Salem: Es werden begabte Kinder gut situierter Eltern angelockt, die auch ohne eine solche Reichekinderverwahranstalt erfolgreich ihren Weg gehen würden. Seit Jahren schon bietet man Hochleistern ohne Störungen im Verhaltensbereich oder sonstige Handikaps Stipendien an, um die Abiturergebnisse zu schönen. Nachteil: "Stipendis" bringen wenig ein und stören die (allerdings verfassungsrechtlich bedenkliche) soziale Exklusivität, die von der Herkommens- und Einkommenselite , deren Geldfluss die Schule wahrscheinlich noch sicherer trägt als der "Fluss Salem" seine Absolventen, selbstverständlich erwartet wird. Die weniger begüterten "Streber" werden daher - entgegen anderslautenden Beteuerungen - von den reichen Problemkindern gern gemobbt. Leistungsmotivierte Vollzahler dagegen heben das Niveau, ohne die soziale Homogenität und Segregation zu beeinträchtigen. Doch die Schüler mit dem "richtigen Background" kommen nur, wenn sicher scheint, dass sie im "Elite-Internat" nicht in schlechte Gesellschaft geraten.
Klughammers Doku hat mittlerweile montagetechnisch wie dramaturgisch ihren Kulminations-punkt erreicht. Es kommt die Einstellung, in der die Schönen und Reichen ihre Doktorhut-Imitate (zu Euro 14,95 das Stück in der feinen matten Stoffvariante) in den strahlend blauen Himmel empor schleudern. A propos Doktorhüte: Die einstige "Eliteministerin" und Vornamensvetterin der Protagonistin Annette, Frau "Prof. Dr."  Schavan, war selbstverständlich auch schon hier  und hat zum 125. Geburtstag des Schulgründers Kurt Hahn eine schöne Laudatio gehalten. Das war noch bevor der ministerielle Doktorhut von Annette II - allerdings nicht nur symbolisch - in die Luft flog.
Damit der Zuschauer nun aber auch wirklich nicht übersieht, wo und wie die Grundlage für den späteren Lebenserfolg gelegt werden kann, arbeitet Klughammer routiniert noch ein paar Redundanzen ein. Steter Tropfen... Kaum dass Protagonistin Annette nämlich das nächste Mal ins Bild kommt, diesmal bereits als Heidelberger Studentin, belehrt die Stimme aus dem Off: „Die Welt steht dir offen. Du kannst sie erobern. In diesem Bewusstsein ist Annette erzogen. Ein Schuljahr im Ausland, Abitur am Eliteinternat – die perfekte Vorbereitung für die Ruprecht-Karls-Universität, die älteste und eine der bedeutendsten Hochschulen Deutschlands. Wer hier bestehen will, braucht eiserne Disziplin und starke Nerven.“
Die brauchte Klughammer vermutlich auch, um diesen geschickt verpackten Werbetrailer der Schule Schloss Salem durch die Endabnahme der Redaktion zu schmuggeln. Oder etwa nicht? „Schleichwerbung: ZDF und ARD überschreiten schamlos alle Grenzen“, titelten am 14.01.13 die Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Und der SPIEGEL enthüllte:
„Jahrelang haben Unternehmen bei ‚Wetten, dass?’ Schleichwerbung betrieben - und zahlten dafür Millionen.“
Ist gezielte Schleichwerbung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen immer noch üblich? Offensicht-lich!  Die Indizienkette scheint jedenfalls lückenlos.
Lesen Sie bitte auch nachfolgende Informationen zu der hemmungslosen Ausbreitung von Schleichwerbung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf der Seite http://www.nachdenkseiten.de/wp-print.php?p=4378!!!